Sie haben über 30 Jahre Erfahrung als Managementcoach und Berater. Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, sich mit dem Thema Führung zu beschäftigen, und wie hat sich Ihre Sicht darauf im Laufe der Zeit verändert?
Meine Eltern waren selbstständig tätig: Wie Zusammenarbeit und Führung funktioniert, was sie wirksam und unwirksam, konstruktiv und mühsam macht, hat mich schon von Früh an beschäftigt. Bewegt, umgetrieben und inspiriert hat mich aber auch die Kunst der Selbstführung, die ja die Grundbedingung gelingender Führung ist.
„Der Fisch stinkt vom Kopf her.“ Um die Führungsqualität ist es aktuell mehr als schlecht bestellt, wie auch der aktuelle Gallup-Index erneut indiziert. Wie sehen Sie die aktuelle Lage?
Heutzutage regieren oft rastloser Ehrgeiz, bis zum Größenwahn neigende Selbstüberschätzung, grenzenlose Geld- und Machtgier und die Abspaltung elementarer Gefühle. Und das findet man ja auch nicht nur in der Führung von Organisationen, sondern leider genauso auch in der von Staaten. Das Ergebnis von alledem trotz bisweilen größerer kurzfristiger Erfolge ist Destruktion: Destruktion von Vertrauen, Destruktion von Empfinden und Mitempfinden, Destruktion von fairer Zusammenarbeit, Destruktion von Verantwortung für Gemeinschaft, Gesellschaft und Natur und die immer akuter werdende Gefahr von Destruktion der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten. Große Führungsprobleme gibt es also ebenso wie in der Wirtschaft auch in der Politik – nur dass sie da noch viel größeren Schaden anrichten können. Was wir aktuell in der Welt erleben, das Ende einigermaßen funktionierender internationaler Ordnungssysteme und die Rückkehr zum Recht des Stärkeren, zu reiner auf Macht beruhender Willkürherrschaft hat mit einer Form von Führung zu tun, für die das Attribut „irre“ immer noch ein Euphemismus wäre. Wenn man im Bereich organisierter, mafiöser Bandenkriminalität dafür nach Bildern sucht, könnte man weit eher fündig werden. Was auf der politischen Bühne im Großen passiert, wirkt sich auf das, womit Organisationen es zu tun bekommen, direkt in Form von potenzierter Unsicherheit und Volatilität aus.
Heißt das aus Ihrer Sicht, dass Führung faktisch chancenlos ist?
Ganz im Gegenteil: wir brauchen gute Führung heute mehr denn je. In ihr stecken die Chancen und Potenziale, die wir nutzen müssen.
Und was ist nötig für gute Führung?
Um gut zu führen, braucht man – so meine eindeutige Erfahrung – einen inneren Kompass. Zu diesem Kompass gehört wesentlich eine Klarheit über Grundwerte und Leitlinien von Führung. Auch mutige Selbstreflexion und ehrliches Feedback von außen sind wichtige Faktoren. Selbst im Umfeld von Top-Managern gibt es in aller Regel Personen, die konstruktive (und nicht anbiedernde) Kritik geben und nehmen können. Gleichzeitig braucht man aber auch methodisches Know-How, denn Führung ist kein leichtes Handwerk. Mein neues Buch „Irre/Führung“ stellt differenziert und praxisnah Führungsleitlinien dar – ich nenne sie Mindsetfaktoren – und beleuchtet auch ebenso grundlegende wie hilfreiche Management-Methoden. Das ist das notwendige Rüstzeug. Das Buch soll Führungskräften dienen, die eigene Vorstellung, was Führung ist und sein sollte, weiter zu schärfen.
Das klingt nach tiefgreifender Auseinandersetzung und echter Arbeit. Haben Führungskräfte nicht schon genug zu tun? Was gibt es zu gewinnen?
Es ist schon richtig, dass gute Führung Arbeit ist. Spannungen auszuhalten, sich auf andere Sichtweisen ernsthaft einzulassen, konstant zu lernen, immer wieder auch liebgewordene Gewohnheiten und dysfunktionale Annahmen zu verabschieden, großen Einsatz zu entfalten, ohne sich selbst übermäßig wichtig zu nehmen – all das ist fordernd, braucht Mut und kostet Zeit. Langfristig ergeben sich daraus aber signifikante Wirkungen: besseres Teamplay, nachhaltigere Erfolge, gesündere und zufriedenere Mitarbeitende und ein ausgeprägteres Gefühl von Wirksamkeit und Stimmigkeit. Und natürlich steigen so auch Effektivität und Effizienz, zum Beispiel durch cleveres Fokussieren, Priorisieren, Delegieren, den geschickten Einsatz von KI, agiles Transformieren usw. Es gibt also viel zu gewinnen.
Warum sollte man Ihr Buch lesen?
Wer Führung wahrnimmt, sollte sich immer auch reflektierend und lernend mit Führung beschäftigen. Führung kann viel bewegen und sie kann auch viel verderben. Auf jeden Fall ist sie ein zentraler Faktor für den Erfolg von Organisationen. Ich habe in meiner Tätigkeit als Managementcoach, Berater und Trainer immer wieder viele beeindruckende Führungskräfte kennengelernt: Führungskräfte, die engagiert, integer und mit dem Herzen am rechten Fleck ausgesprochen kompetent ihre Arbeit machen; und das nicht nur vor dem Hintergrund ihrer Fachlichkeit, die sie ja zumeist auch noch mitbringen, sondern kompetent, selbstreflexiv und lernbereit in ihrer genuinen Führungsarbeit. Da staune ich immer wieder – und noch mehr, dass selbst diese exzellenten Führungskräfte stetig weiter an sich arbeiten. Mein Buch soll Leadern den Zugang zum Thema erleichtern und eine intensivere Beschäftigung mit eigener und vorgelebter Führungskompetenz möglich machen, um in Zukunft noch besser zu wirken.
In Ihrem Buch teilen Sie Erkenntnisse aus über 60 Interviews mit Führungskräften aller Ebenen. Gab es Momente in diesen Gesprächen, die Sie persönlich überrascht oder zum Umdenken gebracht haben?
Obwohl auch ich selbst schon viel erleben durfte, haben mich einige der Schilderungen meiner Interviewpartner tatsächlich überrascht, zum Teil sogar schockiert, zum Beispiel der ohne Vorwarnung und ohne nachvollziehbaren Grund erfolgte Rauswurf einer Abteilungsleiterin, die 17 Jahre lang loyal und engagiert für ihr Unternehmen gearbeitet hat oder die auch mit physischem Druck erfolgte Nötigung, sich massiv zu betrinken, der ein Praktikant unter aktiver Beteiligung seines Chefs bei einem Teamevent ausgesetzt war. Natürlich machen einen solche Dinge nachdenklich.
Welches ist Ihre wichtigste Botschaft an Führungskräfte?
Auf den Punkt gebracht könnte man sagen: Es geht um Ambition verankert in Demut. Menschen brauchen Erdung, um nicht abzuheben und wie Ikarus zu enden. Erdung heißt insbesondere, eigene Grenzen zu kennen, die jeder Mensch und auch jedes System hat. Nichts kann immer nur schneller, höher und weiter laufen. Sich die Grenzen bewusst zu machen und zu berücksichtigen hat nichts mit Kleinmut oder gar Fatalismus zu tun. Es ist das Gegengewicht zur starken Ambition, die es natürlich ebenso braucht. Langfristig erfolgreiche Führung braucht, damit wir einerseits zielorientiert weiterkommen und andererseits die Bedingungen unseres Daseins nicht untergraben, beides: hohe Ambition und Erdung in immer wieder auszutarierender Balance.
Der Experte
Stefan Hölscher, studierter Philosoph und Psychologe (Dr. phil., Dipl. Psych., M.A.), ist Managementcoach und -trainer, Führungskraft und Buchautor, außerdem geschäftsführender Gesellschafter der 2002 von ihm mitgegründeten Metrion Management Consulting in Frankfurt a.M. und Fachbereichsleiter der zur i-unit group gehörenden i-profile GmbH in Braunschweig.
Hölschers Schwerpunktthemen sind Führung, Coaching, Persönlichkeit, Potenzialdiagnostik, Gesundheit, Kommuni-kation und Konfliktmanagement. Der Experte ist seit über drei Jahrzehnten für zahlreiche internationale Groß-unternehmen ebenso wie für mittelständische und Non-Profit-Organisationen auf allen Hierarchieebenen tätig. Er hat zahlreiche Bücher und Beiträge zu psychologischen und Management-Themen verfasst.
www.metrionconsulting.de/team/stefan-hoelscher
Das Buch
Irre/Führung
Wie Führung schadet und was sie stark macht
Softcover, ca. 270 Seiten
ca. € 24,90 (D)
ISBN: 978-3-8006-7896-9
Vahlen, Juni 2026

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